Text: Kristina SafonowaÜbersetzung (gekürzt): Ruth Altenhofer, Jennie Seitz02.10.2020

Kristina Safonowa hat für das Moskauer Stadtmagazin The Village vier Russlanddeutsche aus Moskau gefragt, was sie über ihre Familiengeschichte wissen, wie sie ihr Deutschsein definieren und warum sie in Russland leben – und nicht in Deutschland.
Die Interviews sind von 2016, wir haben sie nun übersetzt, weil sie eindrucksvoll zeigen, wie viele unterschiedliche (russland-)deutsche Identitäten es gibt.

Erwin Gaas
Schauspieler am Moskauer Taganka-Theater, Regisseur

Foto © privat

Es gibt ganz unterschiedliche Russlanddeutsche. Da sind die, die unter Peter dem Großen nach Russland gekommen sind. Das sind vor allem Deutsche aus Sankt Petersburg und Moskau, die die russische Kultur, die Künste und Wissenschaften gepflegt und gefördert haben. Dann gibt es die Wolgadeutschen, die von den Siedlern unter Katharina der Großen abstammen. Und dann noch die Deutschen, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Russland kamen.

Meine Vorfahren hat es relativ früh nach Russland verschlagen. Der berühmte „heilige Doktor von Moskau“ Friedrich Joseph Haass (in Russland bekannter als Fjodor Petrowitsch Gaas), der gerade von der katholischen Kirche seliggesprochen wird, kam im 19. Jahrhundert nach Russland. Er hatte keine Kinder. Unsere Linie ist die seines Bruders, der in Deutschland geblieben war.

Als Waise, Sohn eines Volksfeindes und Deutschem blieb meinem Vater nichts erspart

Mein Großvater Erwin Albertowitsch Gaas war Psychiater. Seine Frau Elli war eine Sephardim (eine spanische Jüdin – Anm. d. R.), deshalb flohen meine Großeltern nach Paris, als in Deutschland die Nazis an die Macht kamen. Von dort aus folgten sie einer Einladung des Chefchirurgen der Roten Armee Nikolaj Burdenko in die UdSSR. Viele Antifaschisten kamen in die Sowjetunion in der Hoffnung, in einem Land leben zu können, in dem alle gleich sind. Mein Großvater lernte Russisch und verteidigte noch einmal seinen Doktortitel, arbeitete am Iwanow-Institut für Medizin am Lehrstuhl für Psychiatrie. Aber 1938 wurde er denunziert, verhaftet und erschossen. Bald darauf holten sie auch meine Großmutter. Mein Vater war damals zehn oder elf. Als Waise, Sohn eines Volksfeindes und Deutschen blieb ihm nichts erspart: Waisenheime, Durchgangslager, die Leningrader Blockade. In den Nachkriegsjahren war mein Vater alt genug, dass man ihn hätte verhaften können, deshalb lebte er unter falschem Namen. Nach dem Tod der schnurrbärtigen Bestie (Josef Stalin – Anm. d. R.) bekam er endlich seinen Namen wieder, aber seinen Traum, Medizin zu studieren, konnte er sich nicht erfüllen. Das ließ man damals nicht zu.

Es ist schwer für mich zu sagen, in welcher Kultur ich aufgewachsen bin. Am ehesten ist das eine urbane Moskauer Kultur, die alles in sich vereint

In der Familie meines Vaters wurde Deutsch gesprochen. Auch Elemente der spanischen Kultur waren präsent. Aber als seine Eltern nicht mehr da waren, begann man, dem Kind alles Deutsche auszutreiben, so dass er seine Muttersprache praktisch vergaß. Erst am Ende seines Lebens gelang es ihm, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Zur Zeit des Tauwetters unter Chruschtschow  hat ein deutscher Verwandter über das Rote Kreuz nach meinem Vater gesucht, aber der KGB riet nachdrücklich von einer Antwort ab. Später haben wir versucht, diese Verwandten zu finden, schrieben sogar an die Sendung Shdi menja (dt. Warte auf mich), aber die Spur hat sich verloren.

Ich wurde in Moskau geboren. Meine Mutter ist halb Jüdin, halb Russin. Es ist schwer für mich zu sagen, in welcher Kultur ich aufgewachsen bin. Am ehesten ist das eine urbane Moskauer Kultur, die alles in sich vereint. In unserer Familie wurden deutsche Gerichte gekocht, und jedes Jahr zu Weihnachten hörte mein Vater ein klassisches Konzert – das war Tradition.

Ich habe durchaus ein Gefühl dafür, dass ich kein richtiger Russe bin. In meiner Kindheit wurde ich oft als Faschist beschimpft. Aber weil ich als Kind nicht gerade brav war und, obwohl ich so klein war, keine Hemmungen hatte, mich zu prügeln, bekamen meine Peiniger ordentlich was ab. Als ich mit 16 meinen Pass bekam, schrieb ich in der fünften Spalte ganz bewusst „Deutscher“. Der Offizier bei der Passstelle meinte mich deshalb anbrüllen zu dürfen.

Wenn man die Juden schlägt, sage ich, ich bin Jude. Wenn man die Deutschen schlägt, sage ich, ich bin Deutscher

In habe das Blut vieler Völker in mir: deutsches, spanisches, jüdisches, russisches. Mein Vater sagte immer: „Wenn man die Juden schlägt, sage ich, ich bin Jude. Wenn man die Deutschen schlägt, sage ich, ich bin Deutscher.“ Und ich kann mich ihm nur anschließen. Ich bin ein Kosmopolit in der typischen Bedeutung dieses Wortes.

Deutsch habe ich in der Schule und an der Uni gelernt. Ich kann Deutsch lesen, aber beim Sprechen habe ich Hemmungen.

Ich habe keinen besonderen Bezug zum Leben der Russlanddeutschen, aber ich würde sehr gerne etwas für die deutsche Diaspora tun. Das erste professionelle Theater der Alten Rus entstand unter Zar Alexej Michailowitsch Tischaischi (der Sanftmütigste) – das Theater der Nemezkaja Sloboda. Seit meiner Jugend träume ich davon, es wiederzubeleben. Ein Theater ist eine kostspielige Angelegenheit, aber wenn das gelingen würde, hätte die deutsche Gemeinschaft in Russland eine neue Heimat. Ich hoffe, ich kann diesen Traum irgendwann verwirklichen.

Meine Heimat ist Moskau, die Pokrowka

Ich bin Regisseur und Schauspieler, ich habe im Westen nichts verloren, genauso wenig wie im Osten. Ich bleibe hier, weil das hier mein Platz ist. Meine Heimat ist Moskau, die Pokrowka.

Die Russlanddeutschen scheinen bei der Partnerwahl gerne unter sich zu bleiben, aber in mir hat sich so vieles vermischt. Kein Wunder, dass meine Ehe mich in einen völlig anderen Teil des Erdballs geführt hat – nach Japan. Meine Kinder kann man nicht mehr wirklich als deutsch bezeichnen. Sie wachsen in einem Mix von Kulturen auf: Bei meiner Tochter überwiegt die japanische Sprache, bei meinem Sohn die russische, obwohl er auch sehr gut Japanisch versteht. Für mich zählt nur, dass sie so viele Sprachen wie möglich beherrschen – das wird ihr Leben einfacher und interessanter machen. Ich würde mich nicht wundern, wenn mein Sohn irgendwann eine Afrikanerin heiratet, und vielleicht mein Enkel, Erwin Wilhelminowitsch Gaas, ein Russlanddeutscher mit japanischen Augen, einer jüdischen Nase und dunkler Haut wird.

Olga Martens
Stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbands der deutschen Kultur, Moskau

Foto © privat

Ich bin in Alexandrowka aufgewachsen, in Sibirien. Ursprünglich gab es dort nur eine kasachische Familie, alle anderen waren Deutsche. Ein Teil von ihnen hatte 1893 das Dorf gegründet, die anderen wurden 1941 aus der Wolgaregion nach Alexandrowka deportiert . Im Dorf wurde ein sehr alter, schöner deutscher Dialekt gesprochen, den die Menschen seit der Zeit von Katharina der Großen beibehalten hatten. Der Schulunterricht war aber auf Russisch, und Deutsch als Muttersprache wurde bis Mitte der 1990er Jahre gelehrt.  

In meiner Familie haben wir miteinander Deutsch gesprochen. Aber Märchen wurden mir alle möglichen vorgelesen: russische und deutsche. Meine Großmutter sang auf Deutsch, weil sie schlecht Russisch konnte. Mama sprach Russisch und Ukrainisch. Das ist ganz normal, weil von den Völkern, die in deiner Nachbarschaft leben, immer ein Einfluss ausgeht.

Meine Eltern und Großeltern sind später nach Deutschland gegangen. Aber ich blieb. Ich war jung, und die Jugend hat ihre eigenen Vorstellungen von der Welt. Damals schien mir: „Wie soll ich ohne russisches Fernsehen, ohne die Kultur hier leben?“ Und ich bereue nicht, dass ich geblieben bin.

Manchmal wurde ich als Faschistin aufgezogen – na und? Eine kleine Rauferei, und weiter gings

Man muss wissen, dass in den Nachkriegsjahren viele sowjetische Deutsche versuchten, die schreckliche Vergangenheit zu vergessen. Deswegen sprachen sie möglichst nicht Deutsch, verboten es auch ihren Kindern und freuten sich, wenn ihre Töchter und Söhne sich nicht mit Deutschen zusammentaten. Aus Furcht vor Verfolgung gaben sie im Pass als Nationalität  „russisch“ oder „ukrainisch“ an, konnten so aber ihre deutsche Nationalität nicht mehr beweisen und daher nicht nach Deutschland auswandern. Ich hatte das große Glück, in einem deutschen Dorf geboren zu sein: Ich war umgeben von Leuten mit deutschen Familiennamen, daher nahm ich meine Nationalität als etwas Selbstverständliches wahr. Manchmal wurde ich als Faschistin aufgezogen – na und? Eine kleine Rauferei, und weiter ging’s. Aber ich weiß, dass darunter viele gelitten haben. Vielleicht hatte ich es auch leichter, weil ich in Sibirien lebte, wo kein Krieg gewesen war, während die Menschen im europäischen Teil Russlands ja tagtäglich die Folgen des Zweiten Weltkriegs vor Augen hatten.
Doch heute ist es in Russland nicht schlimm, Deutscher zu sein, vielleicht genießt man sogar Ansehen. Heute treten Russlanddeutsche als Brücken zwischen zwei Ländern auf. Wir leben in zwei Kulturen gleichzeitig, in zwei Sprachen – das ist ein wahrer Reichtum. Ich finde das echt super.    

Mein Großvater war bei der Trudarmija  in Workuta, aber in der Familie wurde das so erzählt, dass da ja alle hinmussten und er eben auch. Dank meiner Umgebung lebte ich in einer ganz eigenen Welt – in einer deutschen, aber positiven. Erst im Lauf meiner Studienzeit erreichten mich nach und nach Informationen darüber, was mit meinem Volk passiert war. Dann zerfiel die Sowjetunion , es gab eine Menge soziale Bewegungen. Für mich ergab es sich, dass ich die Leitung einer russlanddeutsche Jugendorganisation zuerst in Kasachstan und dann in Russland übernahm. Irgendwann wurde ich zur stellvertretenden Vorsitzenden des Internationalen Verbands der deutschen Kultur gewählt.

Ich verurteile niemanden, der kein Deutsch kann und sich trotzdem Deutscher nennt

Das größte Problem der Russlanddeutschen ist, dass sie so verstreut leben. Es ist sehr schwierig, kulturelle und sprachliche Traditionen zu bewahren, wenn eine Familie in Workuta wohnt, die zweite in Magadan, die dritte in Gorno-Altajsk und die vierte in Kaliningrad. 

Viele Russlanddeutsche sprechen gar kein Deutsch – und auch das ist ein Problem. Ich verurteile niemanden, der kein Deutsch kann und sich trotzdem Deutscher nennt. Aber ich finde, jeder Russlanddeutsche muss alles daransetzen, dass seine Kinder und Enkel die Sprache beherrschen – nur so kann die abgerissene Kette wieder aufgenommen werden. Ich verdanke meine Deutschkenntnisse meinen Großeltern. Meine Eltern wiederum gaben sich alle Mühe, damit meine Kinder Deutsch können. Mein Mann ist auch Russlanddeutscher, aber zu Hause sprechen wir vorwiegend Russisch.

Wenn man dauerhaft in der russischen Emotionalität und Abenteuerlust lebt, ist das sehr anstrengend. Wenn man die ganze Zeit in der deutschen Planungsmentalität lebt, wird’s langweilig

Der Hauptunterschied zwischen Russen und Deutschen ist wohl, dass der Russe alles und sofort will, während der Deutsche genau weiß, was er will, wie viel er dafür tun muss und wie lange es dauert, sein Ziel zu erreichen. Erfolg stellt sich ein, wenn sich die geistige Stärke und das Draufgängertum der Russen mit der planvollen Herangehensweise der Deutschen verbinden. Wenn man dauerhaft in der russischen Emotionalität und Abenteuerlust lebt, ist das sehr anstrengend. Wenn man die ganze Zeit in der deutschen Planungsmentalität lebt, wird’s langweilig. In dieser Hinsicht haben die Russlanddeutschen ziemliches Glück. Ich lebe gern genau an dem Punkt, an dem ich mich befinde: Ich kann mich Hals über Kopf in etwas hineinstürzen und trotzdem alles vorausberechnen. 

Julia Karich
Projektmanagerin im Netzwerk Moskauer Stadtgalerien, Trainerin für informelles Lernen

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Die Eltern meiner Mutter sind Deutsche. Unsere Familie hat wahrscheinlich die gleiche Geschichte wie viele Russlanddeutsche. Meine Großeltern waren Kinder, als ihre Familien aus der Wolgaregion nach Sibirien deportiert  wurden. Mein Großvater hat nie von früher erzählt, er ist ein sehr verschlossener Mensch, und alles, was wir wissen, wissen wir aus den Erzählungen der Großmutter. Bei der Deportation hatten die Leute nur wenige Minuten zum Packen, daher nahmen sie nur das Notwendigste mit. Ich weiß noch, wie ich in der Schule einen Stammbaum zeichnen musste und mir die russische Großmutter väterlicherseits viele Fotos und Gegenstände gab, während mir meine deutsche Großmutter nur die Geburtsurkunden, ein paar Fotos und die Bibel zeigen konnte.    

Ich wurde in der russisch-orthodoxen Kultur erzogen, kann mich aber keiner Religion zuordnen. Eine Großmutter ist orthodox, die andere Lutheranerin. Meine Eltern sind nicht gläubig, aber getauft. In unserer Familie wurde Religion nie besonders thematisiert. Wir haben immer zwei Weihnachten und zwei Ostern gefeiert – das war für uns irgendwie normal. Ich weiß noch, wie sich meine kleine Schwester jedes Mal freute, dass wir das Glück haben, zwei Festtagstorten zu essen.    

Untereinander sprechen Opa und Oma einen deutschen Dialekt, allerdings immer seltener. Mit mir – Russisch

Ich war immer neugierig, warum Oma und Opa ihren Kindern kein Deutsch beigebracht haben. Wahrscheinlich gab es dafür mehrere Gründe: Erstens lebten sie nicht in einem deutschen Dorf und waren von einer anderen Kultur umgeben; zweitens wurden die sowjetischen Deutschen damals, wenn sie Deutsch sprachen, oft diskriminiert. 

Untereinander sprechen Opa und Oma einen deutschen Dialekt, allerdings immer seltener. Mit mir – Russisch. Dass Deutsch wichtig ist, darüber habe ich zum ersten Mal nachgedacht, als ich beim Verein der Deutschen Chakassiens  war, um mehr über die Geschichte der Russlanddeutschen zu erfahren. Danach besuchte ich mehrere Deutschkurse, unter anderem in Deutschland, aber trotzdem kann ich die Sprache nicht gut genug. 

Ich hatte niemals den Gedanken oder den Wunsch, nach Deutschland auszuwandern

Obwohl ich kein Deutsch spreche, fühle ich mich als Deutsche. Gleichzeitig ist meine Heimat Russland. Ich hatte niemals den Gedanken oder den Wunsch, nach Deutschland auszuwandern. Hier in Russland sind meine Verwandten, meine Vorfahren, meine Geschichte. Bei meiner Großmutter liegt seit den 1990ern ein Aufruf herum, also eine Einladung, nach Deutschland auszuwandern. Damals waren meine Mutter und ihre Schwester schon verheiratet, mit Russen, die vom Auswandern nichts wissen wollten, deswegen ist unser Zweig der Familie hiergeblieben. 

Die meisten Menschen reagieren mit Befremden, wenn sie hören, dass ich eine Russlanddeutsche bin. Bei Volkszählungen bekommt man komische Fragen gestellt: „Kann ich Sie einfach als Deutsche eintragen?“, „Vielleicht überlegen Sie sich das noch?“. Auf dem Standesamt gab ich als Nationalität Russlanddeutsche an. Da hatte die Standesbeamtin natürlich unzählige Fragen zu meinem Antrag. Wie sich herausstellte, muss man diese Zeile mit einem ganzen Packen an Dokumenten untermauern, die alle bei meinen Eltern in Sibirien sind – also habe ich doch Russin geschrieben. Im Nachhinein mache ich mir Vorwürfe, dass ich klein beigegeben habe.  

Ich finde, die Russlanddeutschen sollten auf sich aufmerksam machen und mehr über sich erzählen. Ist doch klar, wenn sie im Ersten Kanal  einen Beitrag bringen würden, würde das etwas verändern und man würde uns nicht mehr mit deutschen Kriegsgefangenen assoziieren. Aber noch bleibt alles beim Alten.  

Lena Steinmetz
Redakteurin in der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer

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Meine Mutter ist Russin, mein Vater Deutscher. Die Vorfahren meines Vaters sind unter Alexander I. ins Russische Reich gezogen und haben sich in einer deutschen Kolonie im Gebiet des heutigen Aserbaidshan angesiedelt. In der Regel zogen dort Süddeutsche hin – Schwaben. Die widmeten sich dem Weinbau und brachten diesen Wirtschaftszweig mit, daher verfügen die Häuser, die sie gebaut haben, bis heute über große Keller.

Meine Großmutter Elsa ist in der Kolonie Helenendorf geboren. 1941 wurde ihre Familie zusammen mit anderen kaukasischen Deutschen nach Kasachstan deportiert . Dort wurde meine Großmutter von ihrer Mutter und ihren Schwestern getrennt und in die Trudarmija  nach Uchta in der Republik Komi geschickt. Die fünfzehnjährige Elsa musste, bis zur Taille im kalten Wasser stehend, Holzstämme befördern. Ich weiß nicht, wie es ihr danach noch möglich war, fünf Kinder zu bekommen.    

Großmutter erzählte, dass die Leute in der Trudarmija in Erdhöhlen lebten, die sie selbst ausgehoben hatten. Einmal wurde sie krank und blieb „zu Hause“, und als sie aufwachte, lagen um sie herum Erdhaufen, weil eine Kuhherde über die Höhle getrampelt war.
Nach der Trudarmija ging Großmutter Elsa nach Karaganda, wo sie in einem Bergwerk arbeitete. Dort lernte sie meinen Großvater kennen, und bald heirateten sie. Ich weiß nicht, wie Großvater die 1940er Jahre überlebt hat – er hat nie etwas erzählt, man sah ihm an, dass die Erinnerung schmerzhaft war. Ich weiß nur, dass er Wolgadeutscher war.   

Ich weiß nicht, wie Großvater die 1940er Jahre überlebt hat – er hat nie etwas erzählt

Meine Großeltern sprachen nie schlecht über Josef Stalin, obwohl sie ihn durch und durch gehasst haben müssen. Mich hat tief erschüttert, dass die Leute am 5. März, dem Todestag Stalins, Blumen an sein Grab bringen. Das war doch ein vollkommen kranker Mensch! Wenn sich die Leute derart manipulieren lassen, sollte man sich mal Gedanken machen, ob man die noch ernstnehmen kann.  

Ich wurde in Kasachstan geboren und lebte dort genau 16 Jahre und 25 Tage, bis ich 1996 mit meiner Familie nach Deutschland zog. Ich bin ein Kind der Sowjetunion, war dort im Kindergarten, bei den Pionieren und in der Schule. In meiner Familie wurde Russisch gesprochen. Dass meine Großeltern Deutsch sprechen, erfuhr ich erst in Deutschland – das war ein Schock. Mein Vater lernte erst nach dem Umzug Deutsch. Er erzählte, dass seine Eltern versucht hätten, die Sprache an ihre Kinder weiterzugeben, aber sie hatten es schnell bleiben lassen, weil sie auf der Straße als Faschisten beschimpft wurden. 

Ich bin ein Kind der Sowjetunion

Meine Eltern haben mich gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich freiwillig fahre. Ich war 16 und gerade in die 11. Klasse gekommen, ich träumte davon, an der MGU  zu studieren – nach Deutschland zu gehen gehörte nicht zu meinen Plänen. Außerdem hörte ich von Bekannten, die schon früher umgesiedelt waren, dass ich einen Hochschulabschluss jetzt vergessen könne, weil der für Spätaussiedler so gut wie unerreichbar sei.

Wir hatten Glück, dass Verwandte in der Nähe wohnten, die uns halfen anzukommen

Anfangs landeten wir in einem Lager für Spätaussiedler. Daran erinnere ich mich nur verschwommen: Die Häuser dort sahen aus wie ehemalige Militärkasernen, vor dem Mittag- und Abendessen läutete eine Glocke – seitdem mag ich dieses Geräusch nicht mehr. Das Zimmer, in dem wir unterbracht waren, war für 14 Menschen gedacht. Wenn man vorher in einem eigenen Haus mit Garten gelebt hat, ist das der reinste Albtraum. Im ersten Lager verbrachten wir vier Tage, danach kamen wir in ein anderes, wo wir einen Monat blieben – so lange dauerte es mit den neuen Papieren und der Einbürgerung. Nach dem Lager bekamen wir übergangsweise eine Wohnung in der Kleinstadt Lünen im Nordwesten Deutschlands, wo wir zwei Jahre lebten. Wir hatten Glück, dass Verwandte in der Nähe wohnten, die uns halfen anzukommen.

In den ersten paar Monaten fühlte ich mich wie in einem Vakuum. Ich hatte Deutsch in der Schule in Kasachstan gelernt und einen großen Wortschatz, aber all diese Wörter zu einem Ganzen zusammenzubringen, schien mir utopisch. Aber dann fing ich an, im Chor zu singen, lernte neue Freunde kennen, darunter auch Deutsche, und fühlte mich zum ersten Mal zu Hause. Ich würde nicht sagen, dass die Deutschen die Aussiedler schlecht behandelt hätten. Seltsamerweise ging in meiner ersten Schule in Deutschland das Negative von den Russlanddeutschen aus, also solchen wie mir.

Selbst wenn man zu Hause Deutsch spricht und deutsche Lieder singt, ist man umgeben von der russischen Kultur – das hinterlässt eine bestimmte Prägung

Mein kleiner Bruder stellt sich die Frage gar nicht, ob er Russlanddeutscher ist oder nicht: Er ist Deutscher – Punkt. Aber die Deutschen, die in Russland aufgewachsen sind, haben eine ganz andere Erziehung, Schulbildung, Mentalität. Selbst wenn man zu Hause Deutsch spricht, deutsche Kuchen backt und deutsche Lieder singt, ist man umgeben von der russischen Kultur – das hinterlässt eine bestimmte Prägung.

Ich habe es in Deutschland an die Uni geschafft und Medienwissenschaften und Slawistik studiert. Ich erinnere mich noch gut daran, wie stolz ich als Kind auf meinen deutschen Nachnamen war. Und als ich studierte, war ich stolz darauf, etwas Slawisches in mir zu haben. Ich habe immer versucht, in beiden Kulturen zu leben: Nach dem Studium habe ich ein Praktikum in der russischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn gemacht, danach beim Deutsch-Russischen Forum in Berlin gearbeitet. 2010 bin ich nach Moskau gezogen, zunächst um dort für die Moskauer Deutsche Zeitung zu arbeiten. Viele fragen mich: „Warum bist du weg aus Deutschland?“ und zeigen mir den Vogel. Aber ich bereue überhaupt nichts: Diese Stadt zieht mich einfach an.

Ich liebe Moskau. Als ich gerade hergezogen war, habe ich viele Dinge nicht verstanden. Aber jetzt könnte ich gar nicht mehr sagen, welcher Teil in mir überwiegt. Ich glaube, ich habe von beiden Kulturen gleich viel mitbekommen: Geboren und aufgewachsen bin ich in der Sowjetunion, erwachsen geworden in Deutschland. Ich empfinde mich wohl am ehesten als Kosmopolitin, aber wenn ich in meinem Pass eine Nationalität angeben müsste, wäre das „deutsch“. Eine Russin mit diesem Nachnamen, das ist zu merkwürdig.

Heimat ist für mich dort, wo meine Eltern sind

Die Frage nach Autonomie stellt sich für mich nicht. Ehrlich gesagt, habe ich erst vor ein paar Jahren erfahren, dass es mal eine Republik der Wolgadeutschen  gab. Ich denke, diejenigen, die diese Republik wiedererstehen lassen wollen, halten an alten Gewohnheiten fest. Ich finde, das ist erstens unmöglich, und zweitens braucht das auch niemand mehr. Ich weiß nicht, was meine Großeltern dazu gesagt hätten, ich erinnere mich, wie glücklich sie waren, nach Deutschland zurückzukehren und wieder ihre Muttersprache zu sprechen.

Heimat ist für mich dort, wo meine Eltern sind – das ist nicht einmal Deutschland, sondern das kleine Städtchen Lünen. Da ist die Luft sauber, es gibt wenig Menschen und viel Ruhe. Wenn ich dort bin, erhole ich mich von dem Trubel, aber nach einer Woche zieht es mich schon wieder nach Moskau.